Entzauberte Märchen Nr.15 König Drosselbart - Schein bares

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

König Drosselbart

 

Brüder, wieder einmal muss ich von einer Geschichte berichten, die sich anders zugetragen hat, vielleicht noch viel Andersen als ich sie voll inGrimm heute in den Büchern vorzufinden pflege.

Dass Weibsbilder, je mehr sie von der Natur mit harmonischen Proportionen in Visage und Figur bevorzugt worden, dies in ihrer Jugend um so weniger zu ihrem Vorteil gereichen lassen, um einen ihnen wirklich freundlich gesinnten Gatten an Land zu ziehen, ist hinlänglich bekannt. Meist ist da, wie sonst auch das Ross edler, denn sein Reiter. Bei den Männern, meinte ich. Und damit auch bei den zumeist verzogenen Prinzessinnen. So verzogen, dass ihnen vor lauter Trotz und Elend, ob der zumeist nur auf ihr Erbteil und die Brüste schielenden Bewerbern, der Tiefgang des einen Einzigen für sie von Gott Sonderangefertigten übersahen und ihn mit all den anderen Schwachmaten zum Teufel schickten.

 

Davon und von deren Läuterung berichten die grimmigen Gebrüder, deren Sammlerfleiß wir fast all die moralinsüßsauren Märchen verdanken, die wir heute kennen. Doch dass es eine Strafe sein soll, auf der Seite eines einfachen Mannes zu leben, zeugt früher wie heute von einem noch größeren Hochmuth, als ihn alle Prinzessinnen aller Märchen je zur Schau trugen. Was allerdings das Allerschlimmste ist, was uns die heutige Fassung des Märchens zu verkaufen versucht, ist, dass Mann wie auch im wahren Leben glaubt, er hätte Frau erobert oder gar restlos überzeugt.

Da müssen noch viel mehr Krüge zu Bruch gehen, Elephantenherden auf Zehenspitzen im Tütü balletieren, bis dies aus dem Stand der absoluten Zufälligkeiten zur eventuell anzunehmenden Realität avancieren könnte. Eher schreibe ich kurze Sätze, als dass die Ehemannzipation sich im realen Leben durchsetzt.

 

Ergo simulo est (Ich "spiele" also bin ich) 

oder

Circumveni vidi vici (Ich schmeichelte ihm,  sah und siegte - ob ich kam, tat nichts zur Sache)

 

 

Diese ewigen Weisheiten beschreiben seit jeher am treffendsten die inneren Machtverhältnisse zwischen halbwegs gesittetem Mann und Frau. Für den Mann, der gesellschaftlich schon immer den Schein zu wahren hatte, ergab es sich so, dass er dies bis heute noch auf einem Bankkonto am sichersten kann. So bekommt das Wort schein-bar auch seine tiefere Bedeutung. Jenseits aller politischen und religiösen Systeme hat es sich für Frau bewährt, den Lohn des Mannes, seine Scheine bar auf die Kralle zu bekommen.

 

Was geschah also wirklich?

Das launische Prinzesschen erkannte sehr wohl die Omnipotenz des königlichen Doppelkinns, dessen ausgeprägte Form sie zu der despektierlichen Äußerung hinriss, die dem Mann seinen Doppelspitznamen bescherte.

Doch wie ihren Wert so steigern, dass der Kerl auch noch in der Ehe seine unangenehmeren Düfte außerhalb des Schlafzimmers verströmt? Wie ihn glauben machen, dass er der ultimative Prinzessinnenflüsterer sei? Dass selbst ein so störrisches Wesen wie sie zum willfährigen Weibe würde, ohne seinen Argwohn zu erregen? Schließlich wollte sie nicht diejenige sein, derentwegen die Mannsbilder bemerkten, dass Frau ihnen gern, aber eben nur den Schein ließ. Den einen Einzigen. Damit sie in Schuhläden und Versandkatalogen, bei Schönheitschirurgen und in Beautyfarmen die anderen Scheine ausgeben können, ohne dass der Trottel Lunte riecht.

 

Schön und gut, bei solch schlauen Exemplar musste Frau natürlich noch etwas vorsichtiger agieren und die Rolle so spielen, dass er nach überaus echt gemeinten Tränen und Wendungen von seiner Überlegenheit völlig überzeugt war. Auch diese Herausforderung meisterte sie perfekt, wie man hinlänglich weiß. Jahrhunderte von Lesern nickten millionenfach anerkennend den Kopf, wenn der Pfundskerl dem ungezogenen Maderl zeigte, was wirklich wichtig in der Welt ist. Ohne zu ahnen.

Das königliche Frauenzimmer hat sich so ihren Prinzen und den dazu gehörigen begehbaren Schuhschrank wirklich verdient.

 

Wie die meisten Mädels. Wenn Mann es bemerken will!

 

 

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