Kannengeistreich

 

 

 

 

 

Das Wesen meiner Kaffeekanne konnte ich ergründen. Ganz ohne Drogen. Sieht man einmal von Frühlingshormonen ab. Da saß ich in meinem Eck in der Küche, sah die Staubkörnchen in den durchs ungeputzte Fenster eindringenden Sonnenstrahlen und trank meinen Morgenkaffee. Eben noch hörte ich die Stimme des Nachrichtensprechers aus dem Radio und Vogelgezwitscher vorm geöffneten Fenster.

Plötzlich Stille. Ich - die Espressotasse gerade an der Unterlippe, kurz vorm Einlauf sozusagen - warte zuerst, ob das Telefon oder die Klingel der Haustüre nochmal schellt. Tut keine von beiden. Nun hebe ich den Kopf und suche den Ursprung der Stille. Obwohl ich weiß, dass das Quatsch ist. Kann auch nichts Ungewöhnliches entdecken.

Einzig aus der Espressokanne auf dem Gasherd steigt seltsamerweise etwas Dampf auf. Komisch. Der Herd ist aus und den Inhalt der Kanne habe ich höchstselbst gerade eben in die vor meiner Unterlippe schwebenden Tasse gegossen.

Während ich also so dasitze und mich frage, ob etwa mein innerer Kompass vom gestrigen Besäufniss noch verstellt sein könnte, formt sich der Dampf zu einem Gesicht. Etwas durchsichtig - man kann die Fugen der Fliesen dahinter noch genau erkennen - aber ansonsten mit allem, was ein anständiges Gesicht so braucht. Augen, Nase, Ohren, Lippen mit hochgezogenen Mundwinkeln und sogar einem dicken Pickel auf dem Kinn. Es erinnert mich an niemanden, den ich kenne. Als ich nun gerade denke, dass mein Faible für Whiskey doch langsam skurile Folgen bekommt, öffnet sich der Mund der sonderbaren Espresso-Nebelfratze:

"Wegen deinem gelegentlichen Amüsement musst du dir keine Sorgen machen, Großer!"

Hee - jetzt redet das Ding auch noch. Und woher weiß es, was ich gerade denke? Sollte ich vielleicht doch mal zum Hirnklempner gehen und mich emotional und geistig durchchecken lassen?

"Hör auf zu hirnen! Ja - hier spricht deine Kaffeekanne. Punkt. Ja, und du könntest mit deiner Hand durch mich durchwedeln, ohne dass mir das etwas ausmachen würde. Dir vielleicht schon, wenn Du mich noch mal Nebelfratze nennst! Und jetzt hör genau zu. Ich will das nicht mehrmals sagen müssen. Sowas wie einen Flaschen- oder Kannengeist zu erzeugen, kostet nämlich ziemlich viel Energie und Konzentration. Es ist wahrlich kein Honigschlecken. Danach muß ich wieder Äonen gestaltlos in Einzelteilen zwischen den Ebenen rumschweben, bis ich das nächste sprachfähige Ego erzeugen kann. Also Ohren gespitzt. Sonst erscheine ich das nächste Mal als "Heißen-Kaffee-über-die-Hand-schütt"-Poltergeist".

Langsam stelle ich die Tasse ab, ohne den Blick vom Geistergesicht zu lassen. Würde mic h jetzt so jemand sehen - mit verwundert geweiteten Augen und offenstehendem Mund - er müsste denken ...

"S - T - O - P - P - !"

Ich klappe den Mund wieder zu und zwinkere.

" Jeden Morgen sehe ich dich da sitzen. Weil ich in meinem Zustand nun einmal an diese Küche gebunden bin. Alles wahrnehmen muss, was hier drinnen passiert. Immer. Bis ins kleinste Detail. Also auch Dich. Bis ins Innerste. Und damit meine nicht nur das deiner unsäglichen Cordhose. Nur so nebenbei: Kauf dir eine neue Hose. Nicht aus Cord! Für den Fall, dass du das wieder vergessen solltest, sage ich nur: brühendheißer Kaffee! Deine Sehnsucht nach einem attraktiven und willigen Weibchen erfült sich mit neuer Hose und ein paar unverwaschenen T-Shirts wahrscheinlich schneller.

Und geh - mit dieser neuen Hose - mal wieder aus. Nein - nicht mit deinen Kumpels saufen - TANZEN oder irgendeinen SPORT machen. Lad ein Mädel zum Essen ein. Lass Sauerstoff in deine trägen Hirnwindungen und schlaffen Muskeln strömen. Glaub mir, das tut Dir gut! Mir dann auch. Ich kann und will dieses Elend nicht mehr sehen. Deine müde Fresse. Und wie gesagt: Die Cordhose!

Wenn Du dich weiter mit Selbstmitleid maltraitieren willst, so tu das ab jetzt auf der Toilette oder dem Schlafzimmer. Da ist es mir egal. Nur nicht mehr in der Küche!"

Er löst sich auf und ein letzter Rest Dampf zieht tatsächlich in den Kannenschnabel. Ich zwinkere nochmal.

Zeitgleich setzen die Geräusche wieder ein und ich höre den Briefkasten klappern. Der Bescheid vom Finanzamt. Hoffentlich. Wenn er es ist, gehe iich mir gleich heute morgen eine Jeans kaufen. Die neue süße Mieterin hat mich gestern so seltsam gemustert. Fenster putzen ist heute mittag dran. Hier drin ist es wegen der dreckigen Scheiben so düster, dass ich manchmal fast glaube, Gespenster zu sehen. Echt.

 

 

 

 

 

 

   Olaf Rendler

Heilpraktiker & Künstler

Grosse Dollenstr. 26

76530 Baden-Baden

01732054946 hypnolaf@gmail.com

 

 

gemeinsam

mit:

   Janine Pusch

Ernährungsberatung

in der Essbar