In Memoriam:   mein lieber Vater Rudolf Stebe

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Oktarina

Oktarina Schnulz hastet die Holzstiege hinauf, um nach ihrem Stiefvater zu schauen. Gerade eben, als sie von der Apotheke zurück kam, hörte sie so seltsame Geräusche von oben. Normalerweise ging sie eher langsam und ganz an der Wand die Treppe hinauf, um Batʹko Otto nicht durch das Knirschen und Knacken der Stufen zu wecken. Jetzt rannte sie so schnell nach oben, dass sie darauf keine Rücksicht nehmen konnte und bemerkt dennoch im Vorbeiflug, dass bei dieser Geschwindigkeit das Holz scheinbar keine Chance bekommt, mit dem Knarren zu beginnen. Das wird sie sich merken. Denn beim Leisetreten gab es in der Vergangenheit trotz aller Vorsicht immer mindestens ein Brett, das unbedingt laut knarrend seinen Senf dazugeben musste. Als ob sich die Stufen mit Maty verbündet hätten und sie verhöhnen wollten.

"Okidoki, wie war das wieder mit deiner eisernen Diät? Wenn Du so weiter futterst, wirst Du selbst zum Treppchen!"

Mittlerweile nervt sie das schon so sehr, dass sie nur beim Anblick der Stufen genervt die Augen rollt. Sieht in den Ästen der Buche schelmisch bösartig grinsende Augen. Des öfteren hat sie schon daran gedacht, die Treppe erneuern zu lassen. Sich eine mit Wangen aus Stahl und Steinstufen einbauen zu lassen.

Doch heute ist ihr das ziemlich egal. Die Sorge dass Bat´ko etwas zugestoßen sein könnte, drängt all ihre sonst
sorgsam gepflegten Selbstbezichtigungsprogramme in den Hintergrund. Oben angelkommen stürmt sie atemlos durch die Flurtüre in sein Zimmer.

Otto Schnulz sitzt putzmunter und ein Liedchen summend auf der Spiegelkommode und lackiert sich großflächig die verhornten Fußnägel. Sein grellrot lippenstiftverschmierter Mund zieht sich freudig bis hinter die abstehenden Ohren, als er Oktarina erkennt. Den Haarkranz um die Halbglatze hat er feinsäuberlich auf Minilockenwickler aufgerollt.

"Maty!" Oktarina stöhnt und will schon auf ihn zustürzen, um ihm den Nagellack abzunehmen, als sie abrupt innehält. So strahlend hat sie Batʹko schon Jahre nicht mehr gesehen. Das letzte Mal, glaubt sie sich zu erinnern, hatte er ähnlich glücklich gewirkt, als sie acht Jahre alt gewesen war. Im Winter nach ihrer Ankunft in Dusseldürf, wie sie es damals genannt hatte. Zwei Monate vorher hatten Maty und er sich kennengelernt und an jenem Tag waren sie zu dritt auf den Napoleonshügel gegangen, um Schlitten zu fahren. Maty hatte Otto mit Schneebällen beworfen und am Ende hatten sie sich unter viel Gequietsche und Gelächter gegenseitig eingeseift. Als das Schneetreiben später so dicht geworden war, dass sie fast nicht mehr die eigenen Hand vor Augen sahen, hatte sie Otto zu einer leckeren heißen Schokolade in der Konditorei Heinemann eingeladen. Die hatte so wunderbar geschmeckt und schon ihre damals noch schlankeren Finger angenehm gewärmt. Besonders die schöne verglaste Jugendstildecke des Cafés hatte sie sogar in ihren Träumen noch jahrelang bewundert.

Genauso glücklich erscheint Väterchen ihr jetzt gerade. Nur die Muskelpakete, die er damals von der Arbeit im Lager des Liesegang Projektorenwerks hatte, waren jetzt kümmerlichen Oberärmchen gewichen, die Oktarina leicht mit einer Hand umfassen kann.

Vor ihrem inneren Auge taucht noch einmal, der stattliche junge Mann mit dem charmanten Lächeln auf, der ihre Mutter und sie die ersten Jahre so glücklich gemacht hatte. Bis dieser schreckliche Unfall ihm zuerst einen Arm, die Arbeit und schließlich die gesamte Lebensfreude geraubt hatte. Ein Lastwagenfahrer war betrunken und viel zu rasant auf dem Firmengelände um die Kurve gekommen und hatte ihn samt seinem Betriebsrad brutal gegen einen Abfallcontainer geschleudert.

Oktarina wischt sich ein Tränchen von der Wange und lächelt tapfer, als sie bemerkt, dass ihr Bat´ko sie fragend anblickt und seine Mundwinkel immer weiter nach unten sinken.

Sie schluckt den Klos im Hals herunter und entscheidet prompt: Ab heute wird sie ihm keine der teuren und nutzlosen Medikamente mehr verabreichen. Zum Glück war sie wegen der stressigen letzten Tage nicht dazu gekommen, die Psychopharmaka frühzeitig zu holen, so dass er in den Zustand kommen konnte, in der sie ihn eben vorgefunden hat.
Sicher, es wirde nicht einfach werden, ihn nachher zum Duschen zu bewegen. Gerade beim Gewaschenwerden ist er sich des Verlusts des Armes besonders schmerzhaft bewusst und wehrt sich deshalb immer mit mit seiner verbleibenden Hand und und den Füßen dagegen.

Egal!
Wenn sie ihm auf diese Art noch ein paar wenige Augenblicke wie den eben erlebten ermöglichen kann, nimmt sie das gerne in Kauf. Schließlich ist die Waschmaschine um einiges geduldiger als Maty es ihre letzten Jahre war. Mütterchen hatte immer angefangen zu zetern, wenn Bat´ko sich einnässte oder beim Essen bekleckerte.

Ein weiterer Blick in Ottos strahlende Augen und Oktarina muss ein weiteres Tröpfchen aus den Augenwinkeln wischen.
Nur dass es diesmal eine Freudenträne ist!