Zeitraffer

 

 

 

Eigentlich erinnerte nichts daran, dass Sigismund schon einmal hier gewesen war. Wie auch, werden Sie fragen, an was soll man in einer Ecke eines belebten Marktplatzes erkennen, dass hier vor vielen Jahrzehnten ein Mord stattgefunden hat. Ein Mord zudem, den damals niemand als das Verbrechen erkannt hatte, das Morde nun mal sind. Wenn Sie so wollen: ein unaufgeklärter Mord.

Ach so!

Das können Sie ja alles noch gar nicht wissen. Nun, dann müssen Sie sich etwas gedulden oder sich gar darauf verlassen, dass Ihnen die aktuelle Geschichte genug zwischen den Zeilen liefert, dass Sie wenigstens eine kleine Ahnung davon bekommen, was damals hier passiert ist. Ich muss Ihnen das zumuten, da wir uns hier in einer Kurzgeschichte befinden. Für ausgedehnte Rückblenden ist einfach kein Platz, wenn wir denn Kommissar Brunner die Chance geben wollen, im Laufe dieser wenigen Zeilen seinen Fall zu lösen.
Eine weitere Schwierigkeit besteht außerdem in der Tatsache, dass diese Story eine Auftragsarbeit ist, in deren Verlauf folgende acht Wörter vorkommen müssen:

Kinkerlitzchen Weihnachten Flugsand häkeln keck Eisbär eimerweise mopsfidel

Vielleicht verstehen Sie jetzt besser, weshalb für alte Geschichten und ausschmückende Kinkerlitzchen beileibe kein Platz ist. Täten wir, beziehungsweise ich mich in Details verlieren und versuchen, diesen Krimi wie ein kompliziertes Spitzendeckchen zu häkeln, hätten wir Weihnachten, bis ich Ihnen das Ende präsentieren könnte. Es wäre auch nicht im Geringsten im Interesse Kommissar Brunners und schon gar nicht in Sigismunds. Der Rückblick würde uns nur den gleichen Flugsand in die Augen wehen, der auch unseren wackeren Kriminalist daran hindert, zweifelsfrei zu erkennen, dass gerade in diesem Falle Sigismund keine Rolle spielen kann. Sigismund mag zwar keck sein - doch als Arzt niemals so blöd, ein vollständiges Spritzenbesteck am Tatort zurück zu lassen. Noch dazu in einer Lache, deren Menge vermuten lässt, dass hier ein Ochse geschlachtet wurde und sein Blut eimerweise über das wehrlose Kopfsteinpflaster gekippt wurde. Noch dazu mit einem mopsfidelen Bullen in der Mitte, dessen Kette an einem Ring hängt, dessen Spieß mitten durch einen roten Kickschuh zwischen die Pflastersteine getrieben wurde. Das Bild erinnert ein bisschen an die Bilder, auf denen die vom Helikopter geschossenen Eisbären im blutrot gefärbten Arktiseis zu sehen waren. Jene Bilder, die damals das Fass zum Überlaufen, ach was: -kochen, brachten und aufgrund dessen heute die Jagd auf Wildtiere weltweit geächtet und bei Zoostrafe verboten ist.

Zoostrafe?

Sie haben Recht. Das Wort klingt seltsam. Verzeihen Sie! Ich vergaß, dass ich in die Vergangenheit schreibe. Jene Vergangenheit, in der es noch nicht möglich war in beliebigen Zeiten am Leben teilzunehmen. Zoostrafe bedeutet in meinem Heute, dass überführte Wilderer in den Käfigen der alten, dem Leser dieser Zeilen wohlbekannten Zoos zu abschreckender Betrachtung durch das Volk ausgestellt werden. Oft auch mit kranken oder überlebenden Tieren zusammen. Ohne Gewehr mit Präzisionsoptik, nur mit einer kurzen Elektroschock-Lanze bewaffnet. Dieses Vorgehen beschleunigt übrigens die Heilung verletzter Tiere immens und motiviert die anderen auf schier unglaubliche Weise. Wer von den Probanden die ersten sieben Erdentage überlebt, wird freigelassen. Kleine Modifikationen am Mikrochip verhindern, dass er je wieder einen Gedanken ans Töten eines fühlenden Wesens verschwendet..

Aber zurück zum Fall.

Dass dies keine Tat Sigismunds sein konnte, war mir also sofort klar, als ich die etwas sehr skurrile Inszenierung sah.
Das Problem: Seit der vermuteten Tötung Professor Mikados, der bei der Entwicklung des intertemporalen Mikrochips durch einen simplen Übersetzungsfehler den intertemporären Mikrochip er- und gefunden hat, glaubt jeder, Sigismund hätte ihn ermordet. Dass Ärzte durchaus Fertigkeiten besitzen, um Menschen unnachweisbar vom Leben zum Tode zu befördern, ist unumstritten. Dass er damals als lautester Mahner gegen die Chip-Implementierungskampagne bekannt war und vor deren Zwangsumsetzung aufs heftigste protestierend aus der Forschungsgruppe ausgestiegen war, machte ihn natürlich verdächtig. Auch munkelt man noch heute, dass nur durch den Tod des Professors nicht die allerneueste Version des Chips zum Einsatz kam. Jene Baureihe, deren Spezifikationen es uns ermöglicht hätten, auch direkten materiellen Einfluss auf andere Zeiten zu nehmen. Deshalb kann auch ich heute nur virtuell über dieses Medium mit Ihnen, liebe Leser,  Kontakt aufnehmen und leider - wie umschreiben sie es so schön, keinen Kaffee mit einer der zahlreichen attraktiven Frauen ihrer Gruppe trinken. Auch wenn unsere Sphäre dem Vorgängermodell Internet um ein Vielfaches überlegen ist, da wir nicht darauf angewiesen sind, Informationen von materiellen Speichern zu lesen, gelang uns ohne den überlegenen Geist von Professor Mikado der letzte Schritt hin zur direkten Gestaltung von Materie nicht.

So ist unsere Welt heute gespalten.

In Menschen, die Sigismund als Helden verehren. Er ist für sie derjenige, der den Menschen in der Zeit einen letzten Rest von Rückzugsmöglichkeit und damit Schutz vor Eingriffen aus der Zukunft gerettet hat. Der volle Zugriff auf die Sphäre wurde durch seine vermeintliche Tat verhindert.

Seine Gegner sind auch fest davon überzeugt, dass nur er am Tod des legendären Forschers schuld sein kann. Doch für sie ist er nicht der strahlende Freiheitsheld, sondern der Verbrecher, welcher verhindert hat, dass sich der Mensch endgültig von den Fesseln der Zeit und der Materie befreien konnte.

Beide Gruppen haben IHN als Kristallisationspunkt. Das bezeugen seit Jahrhunderten gängige Formulierungen wie: Sigismund tut Wahrheit kund! oder: Sigismundtot machen. Auch die Verwandlung des alten Wortes Wunderbar in Munderbar lässt sich unschwer darauf zurückführen. Die beeindruckenden Sigismundenkmäler an den Eingängen zu unseren zeitfreien Zonen - Sie hätten es früher Parks oder Naherholungsgebiet genannt, zeugen auch von seinem Einfluss auf unser Denken und Handeln.

Und es gibt solche wie mich. Die kleine Gruppe von Wesen, die sich nicht vom Offensichtlichen blenden lassen, sondern das Dahinter suchen. Stets im vollen Bewusstsein, dass Menschenmassen Helden und Bösewichter brauchen. Umso mehr, wenn sie in einer Welt leben, in der niemand mehr für sein Überleben arbeiten muss und außer der Phantasieertüchtigung in virtuellen Welten nur noch etwas Thrill bei der Aufklärung ungesühnter Straftaten in der Vergangenheit finden. Wir sind auch jene, denen deshalb die Aufgabe zufällt, durch unser Eingreifen unnötige Zeitirritationen und Verwerfungen zu verhindern. Wenn wir dies nicht täten, würden sich Kinkerlitzchen so immens aufblähen und verheddern, dass die aus ihnen gehäkelden Zeitspitzendeckchen Ihre und unsere Welt so überdeckten, dass sich bald niemand mehr ihn ihnen zurechtfände.
Was jetzt wie eine beglückende Geschenkeflut an Weihnachten erscheint, würde sich dann keck und mopsfidel durch alle Zeit- und Bewusstseinsschichten fressen und sich eimerweise wie heißer Flugsand über die müden Lider der Menschheitsgeschichte legen.

STOPP! Attend Spoiling Reload! STOPP!
Kinkerlitzchen Weihnachten Flugsa hrnskeo.irhsn jmexxx grrrrr bbbbbbbbbbbbbb....
STOPP! Reload available. Load ........................................................................................


Bevor sich diese Zeitschleife schließt und in ewiger Wiederholung doch Ihrem Vergessen anheim fällt:

1. Kommissar Brunner ist, wie sie vielleicht schon ahnen, gar kein Ermittler. Jedenfalls in dem ihnen bekannten Sinn. Es ist purer Zufall, dass der damalige Fundort der Leiche auch der Freiburger Münsterplatz war. Allerdings gerade deswegen kein Zufall, dass der unechte Kommissar Brunner hier mit Verdacht auf Sigismund ermittelt. Das ausführende Modul hat keine Kenntniss, ob die Buchstabendoppllungen in Kommissar gerechtferttigt sindddd.

2. Wäre es ein Eisbär, fänden diese Ermittlungen höchstwahrscheinlich in Berlin statt.

3. Sigismund ist eine Erfindung der Sphäre. Organische Wesen brauchen aller Erfahrung nach stets Verbindendes. Dem haben wir Rechnung getragen.

Die beteiligten verheddddddderten Zeitlinien sind:

  • Ein vorgeblich oder erträumter, legendär vernichtenden Sieg des Fußballclubs SC Freiburg über den in der Liga verhassten Verein RedBull Leipzig. Womit sich sämtliche am Tatort gefundenen Indizien hinreichend erklären lassen.

 

  • Ein paar Seiten des Geschichtenspiels in der Kurzgeschichtengruppe des Joyclubs. Der Joyclub ist eine sogenannte Comunity im Vorgängermedium der Sphäre, dem Internet. Darin ging es vordergründig um bislang unerfüllte, sogenannte erotische Bedürfnisse, der dort kommunizierenden Entitäten. Phasenweise fluktuiert zu lustvoller Nahrungszubereitung, Katzen, Hunden und weitere dem Wunsche nach angenehmer zu gestaltende Alltagsbefindlichkeiten. Doch alles nur am Blödschirm erlebbar.

 

  • Meine Zeitlinie, deren Verschränkungen manchmal durchaus merkwürdige Formen annimmt.


Hinweis: Da die mir zugänglichen Informationen von leicht angegrauter, bzw. nachlassender Haarpracht und /oder beginnendem Zellverfall, gekennzeichnet durch vermehrtes Faltenaufkommen und nachlassende Sehkraft der überwiegenden Anzahl von Lesern sprechen, rate ich zu folgendem Vorgehen, um die volle geistige und emotionale Integrität in der ihnen zugewiesenen Zeitlinie zu gewährleisten:

Erinnern sie vor Schließen dieses Dokuments wiederholt die Geräusche des von ihnen sogenannten externen Modems. Der Wiedererkennungswert und das unvermeidliche Gefühl des genervten Wartens auf eine vollständig erfolgte Einwahl ins Netz wird sie unweigerlich an ihre eigene Zeit binden!

Hiermit schließe ich, Terrabot Gamma 2017, Distrikt Mai/ Mitteleuropa diese Ermittlung und eröffne im Folgenden den Fall:

Kinkerlitzchen Weihnachten Flugsand häkeln keck Eisbär eimerweise mopsfidel ;

Revision 138436294002886473 Kennwort: Sigismund. Joyclub. Error. Reload. Kinkerlitz. Reload ..........................................

 

 

 

 

 

 

 

   Olaf Rendler

Heilpraktiker & Künstler

Grosse Dollenstr. 26

76530 Baden-Baden

01732054946 hypnolaf@gmail.com

 

 

gemeinsam

mit:

   Janine Pusch

Ernährungsberatung

in der Essbar