Geständnis

 

Ich bin faul! Stinkefaul.

 

Das wäre schonmal sakrosankt. Doch wer meint, mich deshalb strikt verurteilen zu können, irrt gewaltig.

Denn ich bin gleichzeitig düftefleißig!

 

Sie kennen das Wort nicht? Nun - dann wird es Zeit. Aber keine Bange, ich werde sie auch nicht dafür verurteilen. Nein.

Denn ich habe das Wort ja auch selbst gerade gefunden.

Jetzt denken sie sicher: Entweder hat der Typ ein Rad ab oder er ist betrunken! Zumindest nicht mehr im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte.

 

Mit Ersterem mögen sie Recht haben. Den Verdacht hegte ich auch das ein oder andere Mal. Zumindest gibt es eine Unwucht, die Resonanzen auf meiner Fahrt durch den Alltag erzeugt, deren ich auch mit strengster Logik oder konsequentester Moral nicht wirklich Herr werde.

 

Volltrunken war ich hingegen selten im Leben. Und wenn, hat bei den wenigen Gelegenheiten, in denen ich es hätte genießen können, mir irgendjemand den Spaß verdorben. Hat sich oder andere gefährdet. So trunken konnte ich gar nicht sein, dass dann in mir die Vernunft und der Zwang zu handeln nicht jedwede Wirkung des Alkohols aufhob. So wurde mir natürlich mit der Zeit der Spaß an solchen Zuständen verdorben.

 

An den geistigen Kräften kann es auch nicht liegen. Denn neben den für sie im Moment noch kruden Worteinfällen funktioniert bei mir in der Regel der Vernunfteil meines Erachtens eher zu gut, als dass das Leben auf Dauer damit wirklich Spaß machen könnte.

 

Sicher kennen sie das auch. Kaum bricht man ausnahmsweise aus der Routine aus, erlebt gerade die belebenden Anfänge eines Blütenregens aus dem Füllhorn, schon dreht der Engel ab und der Spuk ist wieder vorbei. Und wie oft schimpft man sich dann selbst einen Esel, dass man hat ernsthaft glauben können, dass das Glück endlich den Weg ins eigene Leben gefunden hat?

 

Auch für dieses Gefühl gibt es ein geflügeltes Worto das sie kennen: Pustekuchen!

 

Und genau in dem Moment hilft mir das Rad. Das Ab-ene. Denn es schüttelt meinen Geist so durch, dass ich gezwungen bin, die Worte in meinem Kopf neu zu sortieren. Und dafür muss ich sie natürlich ihrer Bedeutung nach an die richtigen Stellen setzen. Was mich wiederum dazu führt, zu bemerken, dass wir im täglichen Gebrauch meist gar nicht mehr darauf achten, was sie wortwörtlich aussagen. Das innere Bild, das entsteht, wenn wir ein Wort benutzen, stimmt in vielen Fällen gar nicht mehr mit dem überein, was wir sähen, wenn wir es wörtlich nähmen.

 

Nun ahnen sie hoffentlich, was ich mit dem Unterschied von stinkefaul und düftefleißig andeuten möchte.

Nein?

Dann werde ich es ihnen erklären.

 

 

Natürlich ist nicht schwer zu erkennen, dass Lebensmittel, so sie zu lange herumliegen, sprich nicht verarbeitet und gegessen werden, beginnen zu faulen. Mit steigender Fäulnis steigen uns dann auch verständlicherweise weniger angenehme Gerüche in die Nase. Diese sollen uns sagen, dass wir besser Abstand davon nehmen sollen, dies unserem Verdauungstrakt zuzuführen. Da ein Jeder schon einmal erlebt hat, wenn man es trotzdem tut, bräuchte ich eigentlich nicht erwähnen, dass einem dies auch im übertragenen Sinne stinkt.

Und dieser Ärger über das unangenehme Los, das man dank seiner getroffenen Entscheidung nun hat, wird mit der Zeit auf alles übertragen, was einem an seiner eigenen Situation nicht passt.

 

Wenn also da einer rumsitzt, während man selbst unglücklich ist mit dem, was man gerade tun muss, wird er als faul bezeichnet. Er zeigt uns ganz und zu deutlich auf, dass wir mit unserem Los unzufrieden sind. Da wir daran nicht auch noch erinnert werden wollen, stinkt uns dies gewaltig. Wir müssten uns ja selbst einen Esel schimpfen (wobei es sich sicher lohnte, auch über diesen Vergleich genauer nachzudenken).

Und weil es noch weniger zu ertragen wäre, dies zuzugeben, schieben wir den Gestank lieber auf den Müßiggänger.

 

So weit, so schlecht.

 

Denn mit etwas mehr Konsequenz weiter gedacht, wäre es in unbefriedigenden Situationen sicher ratsam, für Abhilfe zu sorgen, statt unbeteiligte Dritte als häßlichen Spiegel zu missbrauchen und sie damit zu stigmatisieren.

 

Kommen wir also zu meinem Anfangsstatement zurück.

 

Düftefleißig war mein Wort. Welch andere Assoziationen als stinkefaul weckt in mir dieses Wort!

Blumenwiesen, dicht bestanden mit Blüten und Gräsern aller Art, von der Sonne beschienen, tauchen vor meinem inneren Auge auf. Bienensummen erfüllt die Luft. Am lautesten wird es unter dem blühenden Kirschbaum. In Gedanken schmecke ich schon fast den kühlfruchtigen, noch leicht bitteren Geschmack der ersten Frucht, die meine Finger viel zu früh von einem der unteren Äste pflücken.

Eine Frage taucht kurz auf: Gibt es eigentlich Kirschblüten-Honig. Ich werde es später recherchieren. Ein laues Lüftchen weht etwas Hitze von den schon erstaunlich starken Sonnenstrahlen auf meiner Haut und ich beobachte wie sich ein Nashornkäfer bemüht, sich durch die wuchernden Gräser zum Baum vorzukämpfen. So von angenehmen Assoziationen beflügelt, schnellen die Fantasie und meine Lebenskräfte sprunghaft nach oben. Jede Schwermut, egal woher sie auch rührte, fällt von mir ab. Jetzt, wo ich mich nur ein paar Momente ganz diesen angenehmen Sinnesreizen hingegeben habe, mich an Momente erinnert, in denen der Zwang, etwas tun zu müssen, ausnahmsweise ganz verschwunden war, regt sich etwas in mir.

(Nein, nicht das landläufige Stereotyp von den Bienen und den Blümchen. Wo sie schon wieder hindenken!)

 

Es ist etwas in meinen Beinen. Ein Gefühl. Meine Großeltern hätten das Gefühl quecksilbrig genannt und damit gemeint, dass ein innerer Drang sie zwingt, augenblicklich aufzustehen und etwas zu tun.

 

Das nenne ich reine, unverfälschte Motivation! Jene Kraft, die in unserem Inneren entsteht und uns mit Lust statt Nötigung zwingt, in die Tat zu kommen. Jene Kraft, die auch wirklich will, was unsere Taten bezwecken. Diese Motivation braucht Freiheit und die Fähigkeit, sich von Fremdbestimmung zu lösen. Denn so nur werden später wirkliche Höchstleistungen erbracht.

 

So wird aus dem verbogenen Quasimodo ein gallopierender Zentaur. Einer der auch lange Strecken und steile Aufstiege mit von Begeisterung und unbeugsamen Willen getragenem Durchhaltevermögen überwindet und sein einmal anvisiertes Ziel erreicht.

Banale moralische Widerstände können ihn nicht ausbremsen, denn seit seiner Entscheidung ist sein Wesen schon im Ziel angekommen.

Er muss nur noch den Körper nachliefern.

Keine auch noch so reizvolle Ablenkung, keine Versprechungen können ihn blenden. Selbst die dichtesten moralischen Flusensiebe oder ihn umkreisenden energetischen Hyänen werden seinen Anschluss an die schon angekommene Seele nicht unterbrechen. Er wird in jedem Zaun, jeder Mauer ein Loch finden, durch das er schlüpfen kann. Es ist, als ob kochendes Drachenblut ihm Unverletzlichkeit und unendliche Energie auf diesem Weg verleihen.

 

Und natürlich ist es bei jedem von uns etwas Anderes, das uns motiviert.

Je nach Gusto ist es der erinnerte Anblick des extra für uns gekochten Lieblingsessens, der uns motiviert, schnellstens nach Hause zu kommen. Oder um zu den Bienchen und Blumen zurückzukehren, kann uns auch ein unschuldig offenherzig kredenztes Dekolleté mittels einer spontanen Schwellung im Beckenbereich dazu anhalten (Der Leser beachte auch hier die oberflächlich gesehen, paradoxe Bedeutung des Wortes anhalten!), unsere Schritte Richtung geliebtes Eheweib zu beschleunigen.

 

Auch dies sind Motivationen, die zwar von außen initiiert sind, doch wiederum einer überzeugenden inneren Resonanz zu unseren tiefsten Wünschen bedürfen, um das flohfarbene emotionale Alltagskostüm in einen Superheldenanzug mit Anschluss an schier übermenschliche Kräfte zu verwandeln.

 

Um allerdings sicher herauszufinden, ob wir diesem ach so drängenden Impuls folgen dürfen - ob er wirklich zu unseren ureigenen Zielen führt oder eine geschickte Manipulation unserer Umgebung ist, braucht es die Zeiten des Ausstiegs und der Muße. Sonst kann es leicht sein, dass wir unwissend und gegen unseren Willen nur die Bedürfnisse Anderer befriedigen. Und damit immer unzufriedener und unglücklicher werden, was dazu führt, selbst zu Verurteilern zu werden.

Man könnte diejenigen, die dann von deiner Energie profitieren, Fremdtraumfänger nennen. Es gibt sie wirklich, diese hinterlistig lockende Lorelei am Ufer unseres Lebensflusses! Es ist dies eine viel zu oft unbeachtete aber durchaus ausgegorene Strategie des Energieraubes in unserer hektischen Zeit.

 

 

Nicht dass wir dabei die Vernunft ganz ad acta legen müssten. Dies ist zwar eine flammende Rede für den Müßiggang, jedoch keine Streitschrift gegen Logik und Vernunft. Beileibe nicht! Denn sie vermag, wenn sie im täglichen Dauerlauf auch Pausen zugestanden bekommt (Der Leser stelle sich vor, das passende Wort wäre hier nicht zugestanden, sondern zugerannt!)

 

Ich fordere hier nur auf, den Verstand während des Besuchs an der Garderobe der Discothek zu hinterlegen, wenn man drinnen elegant und gefühlvoll tanzen will. So gelingt es den Beinen besser, der Tanzpartnerin nicht zu oft auf die Hühneraugen zu treten und sie wird sich in Zukunft gerne wieder von uns auffordern lassen.

 

Eben dies Vorgehen vereinfacht mir die eingebaute Unwucht um ein Vielfaches. Sie beschert mir immer wieder Vernunftpausen und schickt währenddessen meine Synapsen auf Assoziationsreise.

Deshalb kann ich mir den Müßiggang ohne schlechtes Gewissen (diese Formulierung ist auch eine paradoxe Ausgeburt des Schwachsinns!) genießen und dann düftefleißig Vollgas geben, wenn es in meinem innerstes Interesse liegt. Von dem dann gerne auch meine Umgebung profitieren darf!

 

Ganz getreu meinem Blumenwiesen-Unwucht-Prinzip: Ich finds dufte!